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Das Ensemble richtet den Focus nicht auf einzelne Schicksale oder Charaktere, sondern auf die organisatorische Kulturleistung Auschwitz, die Kultur selbst zur Perversion verkommen lässt und so ihre Berechtigung in Frage stellt. Zugleich soll nach Art eines Modells gezeigt werden, wie Frauen heute sich mit dem Schicksal der damaligen Opfer auseinandersetzen. Sie nähern sich diesen Opfern und rufen sich deren Situation in Text und einer strengen Choreographie wach, ohne die Geschichte, die nicht nachahmbar ist, naturalistisch nachzubilden. Deshalb findet man hier keine Sträflingskleider, kein gespieltes Elend, keine stiefelstampfende SS. Die Täter brauchen nicht selbst in Erscheinung zu treten, um, vermittelt nur durch die Frauen, penetrant allgegenwärtig zu sein.
Das Orchester intoniert mit einer Sängerin Musikstücke aus der Klassik, Märsche, Wiener Walzer und Operetten, die das Frauenorchester auf Befehl der SS zu spielen hatte. Welchen Wert hat eine Kultur, die sich eignet, die sentimentalen Seiten von Sadisten und Mördern zu streicheln, ohne ihnen auch nur den geringsten Hauch Menschlichkeit einflößen zu können?

Das Ensemble unter der Leitung von Helen Körte entwickelte sich aus einer Künstlerinitiative zum 9. November. Am 9. November 1988 brachte das E9N anlässlich der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Reichskristallnacht mit 20 Mitwirkenden seine erste Produktion in Frankfurt zur Aufführung. Nach seiner Premiere wurde dieses »Szenische Oratorium« wiederholt in Frankfurt sowie in weiteren Städten Deutschlands (u.a. Dresden, Leipzig, München, Herne, Freiburg) gezeigt. Die Gesamtfassung der szenischen Collagen wurde 1989 uraufgeführt. Im selben Jahr, direkt nach dem Fall der Mauer, wurde das E9N von der »Heinrich Böll-Stiftung« zu einer Aufführung nach Dresden eingeladen.

Der Dichter Erich Fried schrieb zu der Dramatisierung des E9N über das Mädchenorchester in Auschwitz (1989): »Ich betrachte die Aufführung als kulturelle, kulturgeschichtliche und geschichtliche Notwendigkeit.«

 

Oberursel war vor 1933 eine Kleinstadt mit knapp 11.000 Einwohnern. Während der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten wurden zahlreiche Oberurseler ermordet. Diesen Opfern einen Ort des Gedenkens zu schaffen, an ihre Schicksale und ihr Leid in vielfältiger Weise zu erinnern ist eines unserer Ziele. Gleichzeitig wollen wir daran erinnern, wie unmenschlich eine Gesellschaft werden kann, die Ausgrenzung und Stigmatisierung duldet.