Christlicher Ehepartner schützte nicht

Deportation im Hochtaunus
von Angelika Rieber

Die Verfolgung von Christen jüdischer Herkunft und das Schicksal jüdischer Partner in „Mischehen“ rücken erst seit jüngster Zeit stärker in den Blick. Zum Teil wurde ihr Schicksal bislang weniger wahrgenommen, da die Christen mit jüdischen Wurzeln nicht in den Mitgliederlisten der jüdischen Gemeinden verzeichnet waren. Daher ist auch die Spurensuche nicht einfach.

Vielfach herrscht auch die Meinung vor, sie seien aufgrund ihrer Religion oder ihrer christlichen Ehepartner geschützt gewesen – eine Aussage, die nur bedingt zutrifft. Tatsächlich gab es eine nicht unerhebliche Zahl von christlichen Familien mit jüdischen Wurzeln, die in der NS-Zeit durchaus verfolgt worden sind. Für Oberursel konnten anhand der Kirchenbücher mehr als 15 Familien jüdischer Herkunft belegt werden, die Anfang des 20. Jahrhunderts der evangelischen Christusgemeinde angehörten. Zu ihnen gehörten beispielsweise die Familien Creizenach, Friedländer, von Gans, Leo, Riesser und Ullmann.

Noch im 19. Jahrhundert war die Konversion oft der einzige Weg zu beruflichem Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung. So entschlossen sich viele Juden zum Religionswechsel. Erst die Weimarer Republik sicherte der jüdischen Bevölkerung volle Gleichberechtigung zu, was in der großen Zahl der in dieser Zeit geschlossenen „Mischehen“ zum Ausdruck kommt. 1932 heirateten 27 Prozent der jüdischen Männer und 20 Prozent der jüdischen Frauen einen nichtjüdischen Partner. Für 1933 ist bekannt, dass es etwa 35000 konfessionell gemischte Ehen in Deutschland gab.

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten veränderte sich die Situation für diese Familien grundlegend. Die Religion bot den Christen jüdischer Herkunft keinen Schutz vor der Verfolgung. Sie wurden ebenso wie die Mitglieder der jüdischen Gemeinden nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus öffentlichen Ämtern entlassen, waren von den Nürnberger Rassegesetzen und den Eheverboten betroffen oder wurden im November 1938 verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Zwar waren die jüdischen Partner in „Mischehen“ zunächst von den Deportationen 1941/42 verschont, jedoch wurden sie im Gau Frankfurt im Rahmen einer „Sonderaktion“ im April und Mai 1943 zunächst von der Gestapo verhaftet und später nach Auschwitz deportiert, darunter die Oberurselerinnen Meta Schnitzlein und Bertha Röder. Zerline Rohrbach beging Freitod, als sie die Vorladung der Gestapo erhielt.

Arbeitseinsatz mit Todesfolge

Bislang sind 17 Christen jüdischer Herkunft oder jüdische Partner in „Mischehen“ bekannt, die in Oberursel geboren wurden oder dort einige Zeit gelebt haben und Opfer des NS-Regimes wurden, darunter auch einige „Halbjuden“. 1943, 1944 und Anfang 1945 wurden „Halbjuden“ zum „Arbeitseinsatz“ eingezogen und mussten zusammen mit KZ-Häftlingen Zwangsarbeit leisten. Walter Roth und Leopold Hoffmann, beide in Oberursel geboren, kamen bei diesen „Arbeitseinsätzen“ zu Tode.

An die mindestens 30 verschleppten und ermordeten Oberurseler erinnert das Opferdenkmal auf dem Hospitalhofplatz. Es zeigt bislang zwei Marmorskulpturen und soll auf zehn Figuren erweitert werden. Sobald genug Geld gesammelt ist, soll das Ensemble aus zwei Personengruppen mit je fünf Skulpturen bestehen, getrennt durch eine Glasscheibe mit der stilisierten Stadtsilhouette und den Namen der Opfer.

Dieser Artikel erschien am 26. Januar 2010 in der Frankfurter Rundschau.

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